Sonntag, 22. August 2010

Die normannische Seele ist wie ein Ikea Katalog

Seit ich aus dem Elsass zurück bin, ist meine Seele zweigeteilt.
Zwei Hälften in meiner Brust streiten um die Wette und auch ein Gespräch mit meiner BF, die selbst ein paar Jahre im Ausland weilte, schaffte es nicht, die Teile wieder zusammen zukleben.
Erst heute Morgen, als ich den druckfrischen Ikea Katalog aus dem Briefkasten fischte und ihn bei einer gemütlichen Tasse Kaffe durchblätterte, hat es Klick gemacht.
Zur Erinnerung: ich war für drei Tage mit meiner Tochter im Elsass, um dort ein Pferd abzuholen.
Das allein ist schon verrückt. Was aber noch viel verrückter ist, ist, dass ich mir in meinem geliebten Frankreich vor kam, als käme ich von einem anderen Stern und das obwohl ich mich noch immer innerhalb der gallischen Grenze befand.
„So wie hier die Dörfer sind, kenne ich das aus meiner Jugend“ dachte ich und fühlte mich auf merkwürdig gewohnte aber gleichzeitig völlig fremde Art zu hause.
Ich lief durch die langgezogenen, penibelst sauber gehaltenen Straßen der elsässischen Dörfer, fotografierte was das Zeug hielt und staunte Bauklötze.
Jedes Haus konkurriert an Sauberkeit und Schönheit mit dem des Nachbarn. Die Hinterhöfe sind gepflastert. Das Unkraut hat vor lauter Frust das Weite gesucht. Vor den blitzblank geputzten Fenstern ranken knallrote Geranien in voller Pracht, ähnlich wie im bajuwarischen Süden Deutschlands. Die hölzernen Garagentore sind bunt gestrichen und umgeben von Scheunen, die so aufgeräumt sind, dass man glatt darin wohnen könnte. Im Inneren findet man einen picobello geputzten Traktor, das Brennholz für den Kamin ist bis unter das Dach ordentlich aufgestapelt und nach Größe geordnet. Der Scheunenboden ist blitzeblank gefegt und würde mir hier ein Bonbon herunterfallen, würde ich es glatt wieder aufheben und in den Mund stecken.
Ordnung Pur!
Balsam auf meine deutsche Seele.
Karl Lagerfeld hat einmal von sich gesagt: „Ich bin total deutsch. Aber nur wenn ich im Ausland bin. In Deutschland komme ich mir irgendwie fremd vor“
Ich verstehe genau was er meint.
In dieser französischen Grenzregion, die in ihrer Geschichte mehrmals die Landeszugehörigkeit gewechselt hat, ist mir die deutsche Seele eigentlich so nah wie nie zuvor.
Und doch fühle ich mich verdammt unwohl.
Es hat, siehe oben, eine Weile gebraucht, bis ich begriffen habe warum.
Das mit dem Auswandern ist nämlich so eine Sache.
Man begibt sich in ein neues Land, weil man mit dem alten nicht mehr zufrieden ist.
Kaum ist man dort eingewandert, vermisst man bitterlich die Gewohnheiten der alten Heimat. Sich durch diesen Herzschmerz durch zu beißen, kann eine Weile dauern. Manche werfen schon gleich am Anfang das Handtuch und gehen wieder zurück. Die, die aber durchhalten, sagen durch die Bank weg, nie wieder zurückgehen zu wollen. Ohne dass sie es wirklich wahrnehmen verändern sie sich.
Das heißt aber nicht, dass das Vermissen je aufhört.
Noch heute nach über 25 Jahren in Frankreich vermisse ich die deutsche Ordnung, Gründlickeit und Sauberkeit. Dachte ich!
Denn hier war ich nun! Immer noch in Frankreich, umgeben von viel zu viel gestriegelt, gebügelt und glatt gekämmt. Ich bin ich allem Anschein nach, zu einer waschechten Normannin mutiert.
Die normannische Seele ist wie eine Doppelseite in einem Ikea Katalog.
Ein bisschen chaotisch, irgendwie passt eigentlich nichts wirklich zusammen und doch ist es herrlich gemütlich und kuschelig.
Die Kinder liegen auf Sofas und Sesseln herum, essen Kuchen und trinken Kakao auf dem Boden. Die Mutter ist mitten in den Vorbereitungen fürs Essen, während die Rasselbande in der Küche herum tobt. Ein junger Mann liegt mit Schuhen und Jeans im Bett und Papa füttert das Baby während die Tochter die Türe mit Kreide zu malt.
Normannischer geht es nicht!
Der Normanne ist sparsam, pragmatisch und liebt Provisorien.

Warum soll man viel Geld für eine Scheune ausgeben, wenn sie sowieso nur als Unterstand für die Kühe dient. Also her mit dem alten verrostetem Wellblechdach. Und wenn man schon dabei ist, kann man das große Loch in der Wand auch gleich damit vernageln.
Der Rasen im Garten wird gemäht, wenn die Sonne scheint. Wenn es halt tagelang regnet und ausgerechnet nur am Sonntag möglich ist, na dann mäht man eben mal am Sonntag. Der Nachbar versteht das schon! Die alten Traktorreifen sind einfach super als Blumentopfersatz und das Unkraut auf dem Kiesweg freut sich wie Bolle, weil es niemand mit Unkrautvernichtungsmittel ins Jenseits befördern will.
Besuch kommt unangekündigt und am Nachmittag steht noch das Frühstücksgeschirr auf dem Tisch? Für den Normannen kein Problem. Er schiebt die Teller und Tassen zur Seite, freut sich über den Gast und verplempert seine Zeit nicht mit ausführlichen Erklärungen, warum er es nicht geschafft hat aufzuräumen.
Alles in allem ist der Normanne ein eher gemütlicher Zeitgenosse. Freundlich, chaotisch, ein bisschen stur und traditionelle Werte sind ihm wichtig.
Fast so ein bisschen wie die Billyregale von Ikea.
Preiswert, ohne Schnickschnack, es gibt sie schon ewig und sie sind unglaublich verlässlich.
Und ich glaube....genauso bin ich mittlerweile auch.

Der Normanne bleibt im Schnee stecken und blockiert den Verkehr?
Wie er damit umgeht, steht hier.

Dienstag, 17. August 2010

Nadjundi

Nadjundi - der Name zergeht wie Honig auf der Zunge und  ich muss gestehen, dass das Pferd dazu  wirklich wunderschön ist. Noch ist er ein bisschen dünn, und das Foto vor dem Misthaufen ist jetzt auch nicht gerade der Knaller, aber Nadjundi muss sich erst noch eingewöhnen und hat das mit dem "Posen" noch nicht so drauf wie seine Artgenossen. Das wird schon noch

Sonntag, 15. August 2010

Elsass, die zweite - und wow ist es dort schön

Große Tochter hat ein Rennpferd geschenkt bekommen.
Wie heißt es so schön? Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.
In diesem Fall war das Maul tip top aber nicht der Standort. Der war nämlich im Elsass! Will heißen 700 km von unserer Normandie entfernt. Also wieder Anhänger ans Auto und los ging's.
Hin und zurück innerhalb drei Tagen.
Wenn man vor etwas Angst hat, soll man es trotzdem oder gerade deswegen tun.
Also habe ich mich breitschlagen lassen, meine Tochter zu begleiten und meine ersten Erfahrungen im Anhängerschleppen gemacht. Hin ging es je gerade noch so, weil ohne Vieh an Bord, aber zurück, um die Peripherique, mit Lebendgewicht - Mann! -  ich habe mir fast in die Hose gemacht. Tschuldigung!
Aber das Mini-sightseeing hat sich gelohnt:





Noch mehr Bilder: HIER








Sonntag, 8. August 2010

Wenn Frau beschließt einen Tag lang „nichts“ zu tun

Mitten in der Woche geht es mir nicht so prickelnd.Meine Schilddrüse spielt wieder verrückt und mein Körper fühlt sich an, als wäre er zu lange im Schleudergang der Waschmaschine stecken geblieben. Ich beschließe spontan, mir einen Tag Auszeit zu können.
Einen Tag lang nichts tun!
Ich stehe auf, gehe runter ins Erdgeschoss und lasse die Hunde zum Pippi machen  raus.Ich füttere die Katzen, die mich begrüßen und mir hungrig um die Beine streichen.
Mit einer Tasse Kaffee bewaffnet setze ich mich an meinen Computer und öffne das Mailprogramm. Den Hunden dauert mein digitales Frühstück zu lange, sie fangen an zu quengeln. Hilft alles nichts. Hunde kapieren nur am Rande, dass Frauchen eigentlich keine Lust hat und mal Pause machen möchte.
Also die Wanderschuhe an und ab ins Feld. Aber nur die kleine Runde.
Eine Stunde später bin ich wieder zu hause und gönne ich mir noch einen Kaffee – schließlich habe ich heute Ruhetag.
Mein Gott! Wie die Küche wieder aussieht! 
So kann das nicht bleiben, da fühle ich mich nicht wohl.  Nur eben die Spülmaschine aus und einräumen. Den Müll raus bringen. Die eingeweichten Töpfe schrubben. Nach einer dreiviertel Stunde ist Klar Schiff.
Uii, schon fast Mittag!
Jetzt aber flott unter die Dusche.
Wow – wie sieht denn das Badezimmer wieder aus? Nee, so kann der Mensch nicht duschen – als schnell die Putzutensilien heraus, den größten Dreck wegwischen, die verteilten Klamotten – warum steht im Bad eigentlich ein Wäschekorb, wenn ihn niemand benutzt? -  aufsammeln, die Handtücher auswechseln. 
Den nassen Körper mit einem großen Badetuch umhüllt, schnappe ich mir den jetzt vollen Wäschekorb. Auf dem Weg zum Schlafzimmer komme ich an der Waschmaschine vorbei. Ein kurzer Zwischenstopp: ich fülle die Maschine mit dunklen Sachen, die hellen und farbigen sortiere ich daneben aus. Im Schlafzimmer angekommen setze ich mich auf mein ungemachtes Bett. Nein, sage ich mir streng! Ich habe heute Auszeit.
Aber wenigstens das Federbett und die Kissen aufschütteln. Das ist doch keine Arbeit!
Mittlerweile angezogen höre ich meinen Sohn rufen: Mami ich habe Hunger! Was gibt’s zu essen? Wie auf Kommando kommen die Hunde in die Küche galoppiert und setzen sich erwartungsvoll neben ihre Schüsseln.
Heute gibt’s Suppe! Ich habe heute Auszeit!
Topf auf Herd – Suppe anrühren – Tisch decken – Hunde füttern- Küche zum zweiten Mal aufräumen.
Nach dem Essen überlege ich mir, ob ich mich eine halbe Stunde hinlegen soll. Gute Idee, denke ich und jogge nach oben. Da kommt der Postbote. Ich jogge wieder runter und nehme eine Lieferung entgegen. Ungeduldig reiße ich die Verpackung auf. Viele neue wunderschöne Papiere zum scrappen liegen vor mir ausgebreitet. Also hoch in meinen kleinen Workshop, um sie vor zerstörerischen Katzen in Sicherheit zu bringen. Das hin und her joggen hat den Blutdruck in die Höhe getrieben. Mir tut zwar immer noch alles weh aber der Kopf ist hellwach. Ich sinke ermattet auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch.
 Wie immer, wenn ich neue Papiere habe, fangen meine Gehirnzellen an, im hohen Drehleistungsbereich zu wirbeln. Wer etwas Neues anfangen will, sollte das Alte aber erst wegräumen. Ein lebensnotwendiger Grundsatz für jede Scrapbookerin, denn sonst versinkt sie im Chaos.
Ich räume auf, sortiere, miste aus, organisiere und schreibe schnell mal eben zwei überfällige Rechnungen. Mein Blick fällt auf den Kalender. Im September fängt die Schule wieder an und es wäre vielleicht gut, ich würde langsam anfangen meine Projekte vorbereiten?
„Mami – Verbotene Liebe fängt gleich an!“ ruft Große Tochter von unten
Wie? Was? Echt jetzt? Völlig aus dem Konzept gerissen, schaue ich verdutzt auf den alten grünen Wecker. Es ist 18 Uhr. Bevor ich runter gehe, stecke ich schnell noch die Wäsche in den Trockner und füttere die Waschmaschine mit Buntwäsche. Nach der deutschen Seifenoper, mit der mich eine Art Hassliebe verbindet,  knurrt mir der Magen und ich überlege was ich zum Abendessen vorbereiten soll. Mir fällt ein, dass doch heute eigentlich mein Nichts-Tun-Tag ist.
Heute bleibt die Küche kalt – gehen wir in den Wienerwald!
Schön wär’s!
Mac Do ist im 6km entfernten Pont Audemer und meine Lust sich ins Auto zu schwingen und hin und zurück zu fahren hält sich definitiv in Grenzen. Aber Sohnemann erklärt sich bereit, mit dem Scooter zu fahren. Während er unterwegs ist, räume ich das Wohnzimmer auf.
Eine knappe halbe Stunde später sitzen wir gemeinsam vor der Flimmerkiste, schauen eine Liebesschnulze und genießen unser Fernseh-Dinner.
Ach -  so ein Tag des Nichts Tun ist doch absolut göttlich!


More?
Schildrüsenunterfunktion

Samstag, 7. August 2010

Erntezeit in der Normandie

Vor ein paar Tagen wollte ich noch in's Elsass umziehen.
Aber in meiner Normandie fühle ich mich so pudelwohl, dass ich jetzt doch hier bleibe. ;-)

I am the King of Normandy

Kilometerlange Felder

Roundballer

...fast so gross wie ich

Hier geht mir das Herz auf

"Können wir endlich weitergehen, Frauchen,"


King of Normandie, die zweite...

...und die dritte

Freitag, 6. August 2010

Eine Universumsgeschichte: Der Scheck

Was ist eine Unversumsgeschichte?
Vor vielen Jahren las ich die Bücher von Bärbel Mohr: Bestellungen beim Universum.
auf locker flockige Art beschreibt Bärbel Mohr, wie man sich vom Universum vom Parkplatz bis zum Traumprinzen alles wünschen kann, ähnlich wie in einem Bestellkatalog. Wenn man es anschliessend schafft gedanklich los zulassen und einfach darauf zu vertrauen, dass die Bestellung erfüllt wird, geschehen kleine und große Wunder. Viele andere Bücher mit dem gleichen Thema (The Secret, Das Gesetz der Anziehung) sollten folgen und heute bin ich ein recht erfolgreicher Besteller. Mittlerweile passieren ab und an aber auch  kleine Wunder, ohne mein explizites Bestellen. Dem Skeptiker steht es natürlich frei die ganze Sache als Zufall abtun, aber er nimmt sich die Chance an kleine Gute-Laune-Märchen zu glauben, die tatsächlich wahr werden. :-)

Hier nun die erste von vielen Universumsgeschichten
Von meiner Nachbarin hatte ich einen Scheck über 15 Euro bekommen, als Beteiligung zu einem Geburtstagsgeschenk für eine gemeinsame Freundin.
Eine ganze lange Zeit trug ich den Scheck in meinem Portemonnaie herum.
Ich war zu dieser Zeit ziemlich knapp bei Kasse und hätte den Scheck eigentlich postwendend in meiner Bank abgeben müssen. Aus einem mir nicht erklärbaren Grund konnte und wollte ich den Scheck nicht einlösen. Ich erklärte mir mein Zögern mit der Begründung, dass liebe Nachbarin mitten in einem Scheidungskrieg stecke und ihr Geld gerade noch nötiger bräuchte als ich.
Ich konnte mich nicht überwinden, den Scheck einfach so weg zuwerfen und so legte ich ihn auf meinen Schreibtisch wo er sich prompt in den Tiefen meines Papierkrams hinein kuschelte und, aus den Augen aus dem Sinn, aus meinem Gedächtnis verschwand.
Als ich mich ein paar Wochen später mit meinem Papierkram auseinander setze, fiel mir der Scheck, den ich völlig vergessen hatte in die Hand, und aus einem Impuls heraus, zerriss ich ihn. Eine kurze Schrecksekunde lang war ich alarmiert über meine Reaktion, aber es fühlte sich irgendwie seltsam gut an.
Genau eine Stunde später ging Sohnemann zum Briefkasten und brachte mir die Post. Ich öffnete einen Brief von seiner Schule und mir flatterte ein Scheck von 20 E entgegen. Bei der Nachkalkulierung der Schüleraustauschreise sei für jedes Kind ein bisschen Geld übrig geblieben und das würde man den Eltern mit diesem Scheck erstatten.
Ich war völlig baff.
Ich hatte mehr (vom Universum) zurückbekommen als ich (meiner Nachbarin) gegeben hatte.

Mehr Lust auf Universumsgeschichten? HIER

Mittwoch, 4. August 2010

Wie mutig ist das denn? Einmal Elsass hin und zurück

Meine BF findet sich mutig wenn sie sich mit dem Auto in die Stadtmitte von Köln traut.
Ich fand mich mutig, als ich -viele Jahre ist es her- im achten Monat schwanger mit meiner 1 1/2 jährigen Tochter, inklusive Hunde, allein ins 750km entfernte Darmstadt fuhr.
Meine Mutter ist mutig, wenn sie mit über 80 in ihrem Mercedes, in die entgegengesetzte Richtung über die Autobahn heizt, um uns hier in der Normandie zu besuchen.
Große Tochter toppt uns "Alten" aber locker, in dem sie mal eben, auch allein, mit Anhänger und Pferd im Schlepptau, ins Elsass fährt, um dort ihre Freundin zu besuchen.
Ich weiß nicht, um wen ich mir mehr Sorgen machte: um meine Tochter, die mal eben quer durch Frankreich fährt oder um das Pferd das 8 Stunden stehend im Hänger verbrachte.
Jetzt ist sie wieder zurück und ich bin heilfroh.
Nun sitze ich am Computer, schaue mir die wunderschönen Fotos an und bin am überlegen, ob ich nicht umziehen soll.






























Montag, 2. August 2010

Paris im August

"Paris ist wie ausgestorben" jubelt mein Mann heute morgen am Telefon.
Er lebt und arbeitet in der französischen Hauptstadt und kommt nur am Wochenende in die Normandie.
August ist sein absoluter Lieblingsmonat.
Endlich kann er nach Herzenslust Motorrad fahren, braucht von der Wohnung bis zur Arbeit nur eine knappe viertel Stunde und nicht wie sonst dreimal so lang und die Polizisten rauchen zum Zeitvertreib gemütlich eine Zigarette auf der Place de la Concorde.
Die Pariser Stadtbewohner sind wie die Lemminge am 1. des Monats in den Süden geflüchtet und überlassen die Stadt meinem Mann und den Touristen.

Sonntag, 1. August 2010

Ein Hotel, ein Gast und eine Säge

Es gibt viele Hotelbewertungs- Websites.
Internetseiten auf denen sich das Personal über schwierige Gäste auslassen kann, sind eher spärlich gesät. Der Gast ist König, schließlich zahlt er. Manchmal aber sägt er sich den Thron unter dem Allerwertesten selbst  weg.
So geschehen gestern:
Eine attraktive Frau mittleren Alters, Holländerin, ganz offensichtlich gut betucht, kommt mit ihrer Teenager-Tochter und einem etwa fünf Monate alten Schäferhund die Hoteltreppen hoch und begibt sich an die Rezeption. Sie ist groß, das blonde lange Haar zu einem stylischen Zopf zusammengebunden, die Hände sehr gepflegt, french-manikürt, ihr Outfit weiß in weiß, von offensichtlich teurem, goldenem Modeschmuck unterstrichen.
Nichts weist auch nur im Entferntesten darauf hin, dass für mich die nächste Viertelstunde die unangenehmste in meiner bisherigen Hotelkarriere werden wird.
Das Check- In läuft zunächst wie immer. Ich frage den Gast freundlich lächelnd nach der Kreditkarte, gebe im Computer die Daten ein, nehme den Zimmerschlüssel vom Haken und erkläre beim Überreichen den Ablauf des Frühstücks. Frau „Weißinweiß“ erklärt mir daraufhin mit bestimmter Stimme und arrogantem Blick über die Nase, dass sie nicht gedenke das Frühstück ihrer Tochter zu bezahlen, da diese sowieso nur ein winzig kleines  Brötchen zu sich nähme. Auf meinen Hinweis, dass sie das doch bitte mit der Direktion bei der Abrechnung am nächsten Morgen klären sollte, reagiert sie gereizt und insistiert mit dem Argument, dass das in den anderen Hotels bisher überhaupt kein Problem gewesen sei. Mein Lächeln gefriert mir auf den Lippen und ich höre ein imaginäres, leicht sägendes Geräusch. Rechtfertigungen in denen Hotelvergleiche als Argument und fragwürdiges Beweismittel herangezogen werden, sind beim Personal ungefähr so beliebt wie mittelalterliche Daumenschrauben.
Frau Weißinweiß  nimmt den Schlüssel in Empfang und erwidert meinen Hinweis, dass sich ihr Zimmer in der zweiten Etage befände, mit der unwirschen Antwort, ob ich nicht bemerkt hätte, dass sie einen Hund dabei hätte?
Eh – ja?
Natürlich habe ich das knuffige, junge Hundwollknäuel gesehen. Ich gehe davon aus, dass sie ihn bei der Reservierung angemeldet hat. Und wenn nicht, auch kein Problem. Hunde sind im Hotel gerne gesehen und werden mit einem Zuschlag von 13 Euro verbucht. Das sage ich ihr auch so.
Ob ich nicht sehe, dass es sich um einen jungen Hund handele.
Ich bin mit Hunden aufgewachsen und habe nicht einen einzigen Tag in meinem Leben ohne Hund verbracht,aber irgendwie scheine ich mächtig auf dem Schlauch zu stehen, denn ich verstehe weder das Problem, noch ihr aggressives Verhalten.
Mein Kollege, strickt genommen eigentlich der Juniorchef aber den lässt er nicht so gerne aushängen, kommt aus dem Büro und stellt sich neben mich. Seiner Körperhaltung entnehme ich - er stellt sich schützend seitlich schräg vor mich - dass er mitbekommen hat, wie die Situation aus dem Ruder gerät.
Jeder, aber auch jeder normale Mensch, wüsste schließlich, dass ein junger Hund keine Treppen steigen darf, fährt Frau Weißinweiß fort und fordert ein ebenerdiges Zimmer.
Das kann man als normalsterblicher, nicht hundehaltenden Mensch aber nicht immer unbedingt wissen, denke ich im Stillen. Die Schrift im Reservierungsbuch ist vom Maître D‘ und der hat keinen Hund.
Ob Sie bei der Reservierung darauf hingewiesen hätte, dass ihr Hund keine Treppen steigen dürfe, fragt der Juniorchef. Jetzt wird Frau Weißinweiß wütend. Sie habe die Reservierung für sich und ihren jungen Hund gemacht. Das sei doch eindeutig! In all den anderen Hotels wäre das ja auch kein Problem gewesen!
 Ritsche Ratsche – die Säge, die sich an dem Thron zu schaffen macht,  wird immer lauter. Es ist Samstag, das Hotel, bis auf eine Suite ausgebucht. An der Rezeption entsteht ein Gästestau.
Wir bieten ihr die Suite an. Die ist im ersten Stock. Auch Treppen. Aber nur eine. Immerhin. Und… wir bieten Ihr an, den Hund die Treppen hoch und runter zu tragen.
Aber Frau Weißinweiss will sich nicht geschlagen geben und ungeachtet der neugierig zuhörenden Gäste, wirft sie uns Unprofessionalität vor. Und überhaupt, wenn ihrem Hund etwas passieren würde, würde sie das Hotel verklagen.
Jetzt reißt dem Juniorchef der Geduldsfaden: Frau Weißinweiß stünde es frei, sich ein anderes Hotel zu suchen.
Nein, das ginge jetzt nicht mehr, zetert sie, ihre Tochter sei müde!

Viel später, nachdem wir all die anderen Gäste betreut und Frau Weißinweiß endlich in der Suite samst Tochter und Hund, trotz Treppen, untergebracht hatten, versammelt sich das Servicepersonal im Büro.
„Ich verstehe solche Leute einfach nicht!“ macht sich der Juniorchef Luft. „Die hat sich doch gerade selbst abgeschossen. Solche Geschichten machen sich wie ein Lauffeuer im Hotel breit. Keiner von uns wird nach diesem unmöglichen Verhalten auch nur den Ansatz einer Lust haben, ihr höflich, freundlich und zuvorkommend entgegenzutreten. Sie hat sich ihren Aufenthalt hier quasi selbst vermiest!“

Ich kann ihm da nur zustimmen.
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