Mittwoch, 30. Mai 2012

(Einmal) Durch den Wind (Kanal)

Manchmal schüttet einem das Lebensloto einen Sechser mit Zusatzzahl aus und dann kann man sehen wie man damit zurecht kommt.
Kleine Tochter schreibt eine Bewerbung, hat ein Bewerbungsgespräch und bekommt die Stelle in einer alt eingesessenen Immobilienagentur, ohne spezifische Ausbildung, und zwar sofort!
In der deutsch-schottisch-französischen Familie bricht Panik aus.
Als zukünftige Immobilienmaklerin, braucht Kleine Tochter nicht nur von jetzt auf nachher ein  zusätzliches Auto, sondern auch eine Nounou (Tagesmutter) für das Mondscheinbaby.
Ich lebe lange genug in Frankreich, um mich daran gewöhnt zu haben, dass die Französin generell wenig Probleme damit hat, ihre Kinder von klein auf fremden Händen zu überlassen, um wieder arbeiten gehen zu können. In den Anfangsjahren in unserem französischen Dorf erzählte mir meine Nachbarin mit lässiger Selbstverständlichkeit, dass sie ihren Sohn schon mit knapp 3 Monaten der Nounou übergab. Auf meine perplexe Frage, wie sie das in so kurzer Zeit mit dem Abstillen geschafft hatte, antwortete sie, dass sie mit dem Stillen erst gar nicht angefangen hätte.
Die Zeiten in denen man, so wie ich vor 25 Jahren mit Großer Tochter, einen Riesenstreit mit dem französischen Krankenhauspersonal in Kauf nehmen musste, um sein Kind stillen zu dürfen, sind Gott sei Dank vorbei - aber die Strukturen, um schon sehr früh nach der Geburt wieder arbeiten gehen zu können, sind in Frankreich reichlich vorhanden und gut organisiert. Von der oben genannten Nounou, deren Anzeigen man bei jedem Bäcker und Fleischer findet, über die Garderie der Eins- bis Dreijährigen, dem ganztägigen Kindergarten sobald das Kind "stubenrein" ist, bis hin zur ebenfalls ganztägige Schule, wird es den Müttern sehr leicht gemacht, fast übergangslos wieder in den Beruf einzusteigen.
Meine vielen deutschen Freundinnen, die mit mir hier in der Normandie leben - wir nennen uns spaßeshalber die Gretel und treffen uns einmal im Moment zum deutsch quatschen -,  haben sich immer schwer getan mit der gallischen Selbstverständlichkeit, die Kinder so jung und vor allem so lang, außerhalb der Familienstruktur aufwachsen zu lassen. Es ist nicht ungewöhnlich, die kaum Dreijährigen im frühen Morgengrauen bei der Nounou abzusetzen, die diese dann nach dem Frühstück um 9h in den Kindergarten bringt und am Abend um 17h abholt, füttert, und das Kind bespaßt, bis Mama am Abend von der Arbeit kommt; die es dann ihrerseits nach Hause und ins Bett bringt. Am nächsten Morgen wiederholt sich das Ritual und wird eigentlich nur durch die langen Ferien unterbrochen, in denen das Kind den ganzen Tag bei der Nounou verbringt.
Es versteht sich von selbst, dass ein Kind nicht krank werden darf.
Das Ganze nahm vor ein paar Jahren ein solches Ausmaß an, dass die Regierung in den Medien Werbung gegen Antibiotika bei gewöhnlichen Erkältungen machte. Bei jedem Anzeichen eines Schnupfens werden die Kleinen mit Medikamenten zugedröhnt, damit das System von 'Mama und Papa arbeiten den ganzen Tag und Kind ist im Kindergarten' nicht wie ein Kartenhaus in sich zusammen bricht. Mit dem Ergebnis, dass Antibiotika bei "richtigen" Krankheiten nicht mehr funktionieren.
So ist es nicht verwunderlich, dass es für uns viel einfacher war eine Nounou für das Mondscheinbaby zu finden, als einen zweiten fahrbaren Untersatz für Schwiegersohn zu organisieren. Mit unserem Lebenslotogewinn galt es nun die ersten Tage in irgendeine Struktur zu bringen, bis alle Zahnräder der: "Mama und Papa gehen arbeiten Maschinerie" greifen würden.
Mir ging es dabei grottenschlecht!
Mein Mondscheinbaby die ganze Woche bei einer fremden Frau?
Mein Mutterherz fing leicht tröpfelnd an zu bluten.
Wir entschieden uns, die ersten Tage der Umstellung die Kleine bei mir zu lassen und legten los.
Kleine Tochter nahm das Auto und fuhr 20km in eine Richtung. Ich nahm mein Auto, holte das Mondscheinbaby ab und fuhr den Schwiegersohn, der als Maître D'Hotel in einem 4 Sterne Hotel beschäftigt ist und völlig unregelmäßige Arbeitszeiten hat, 10 km in die entgegengesetzte Richtung.
SMS flogen unerlässlich hin und her, damit mein Taxidienst reibungslos funktionierte, denn Sohnemann ist noch in der Schule, schreibt in drei Wochen sein Abi und kann auf keinen Schulbus zurückgreifen.
Das Mondscheinbaby findet es großartig den ganzen Tag bei Oma mit den vielen Tieren zu verbringen. Mit ihren 16 Monaten galoppiert sie auf ihren kurzen Beinchen wie ein junges Fohlen auf der Weide überall hin, holt mit ihren knuffigen Patschehändchen alles nicht Niet- und nagelfeste aus den Regalen .... und ... bringt die Großmutter zum schwitzen.
Die kann absolut nichts machen, ohne das Kind nicht permanent huckepack, vom Klo übers Scraphaus bis hin zum Briefkasten, überall mit hin zu nehmen. Und das ist mit 50+ dann doch was ganz anderes als mit 25! Nach ein paar Tagen bin ich nicht nur völlig durch den Wind, sondern habe das Gefühl als würde ich mich durch einen Windkanal kämpfen.
Und dann ist er da der Tag an dem Kleine Tochter spät abends nach Hause kommt, um ihre Tochter abzuholen und völlig verzweifelt in Tränen ausbricht.
"Mammi! Ich kann das nicht! Die Mädels in der Agentur sind alle single, haben keine Kinder und kein Problem damit, erst abends nach 21h nach Hause zu kommen, wenn der Job es verlangt. Aber ich sehe meine Tochter ja dann gar nicht mehr. Ich bin keine Powerfrau, die ihren Beruf vor alles stellt. Mammiiiiiii! Ich bin soooooo unglücklich!!!!"
 Oh jeh!
Große Tochter, Sohnemann, und ich schauen mit Entsetzen auf den Sturzbach der Tränen, der Kleinen Tochter von den Wangen auf die weiße Bluse tropfen. Ich übergebe das Mondscheinbaby an ihren Onkel und nehme mein Kind erst einmal ziemlich sprachlos in die Arme.
"Ich vermisse mein Baby so!" lamentiert es erstickt in meine Schulter.
Mein Mutterherz explodiert in tausend Einzelstücke und der Familienrat beginnt zu tagen.
Nur wenige Tage später glätten sich sämtliche Wogen und in unserem normannischen Lebens-See spiegeln sich wieder die weißen Wolken am blauen Himmel.
Kleine Tochter hat ihren ganzen Mut zusammen genommen und, nach Rücksprache mit ihrem Mann, den Job wieder gekündigt.
Volle Rückendeckung bekam sie dabei völlig überraschenderweise von ihrem neuem, jetzt alten, Chef. Er habe sich schon so etwas gedacht, sagte er ihr bedauernd aber tröstend.
Die Immobilien-Maklerei sei nichts für junge Mütter. Dieser Beruf würde meist von jungen Single Frauen oder aber von Frauen, deren Kinder schon erwachsen und aus dem Haus seien ausgeführt. Es täte ihm sehr Leid Kleine Tochter gehen zu lassen, denn sie habe genau das Profil, dass er schon so lange gesucht hätte aber er könne ihre Entscheidung sehr gut nach vollziehen. Er wäre jederzeit bereit sie wieder einzustellen, wenn ihre Tochter im Kindergarten sei und ob sie Lust hätte in der Zwischenzeit ab und an mal ein zuspringen, wenn die Luft brennen würde.
Das Mondscheinkind ist jetzt wieder bei ihrer Mutter, der Nounou wurde abgesagt, ich stelle erleichtert den Taxidienst ein und kann wieder in mein geliebtes Scraphaus, welches ich prompt, mal wieder, gründlich um- und aufräume.

PS:
Liebes Universum!
Vielen lieben Dank für den tollen Lebenslottogewinn! Wir sind wirklich unglaublich dankbar und um eine Erfahrung reicher. Leider war es alles ein bisschen zuviel auf einmal und wir mussten den Gewinn wieder zurück geben. Wir freuen uns aber jetzt schon auf den nächsten Gewinn.
Big Bisous Pia

PPS:
Bitte lass' das nächste Mal die Zusatzzahl weg!

Kommentare:

Maren hat gesagt…

*rofl* Tja, so kanns gehen. Aber es hat sich ja alles zurechtgerückt. Vielleicht klappt es beim nächsten Anlauf. Ich bin auch sehr dankbar, dass ich meine Jungs 11 Jahre lang zu Hause betreuen konnte. Jetzt gehe ich seit 5 Monaten wieder arbeiten und finde es klasse! Alles zu seiner Zeit!

Maike Hempel hat gesagt…

Haaach, ich habe beim Lesen richtig mitgedibbert, weil ich Dich und Deine Tochter so gut verstehen kann. Ich glaube die Erschütterungswellen des Steines, der mir am Ende vom Herzen gefallen ist, rollt jetzt weiter, bis in die Normandie. Hochachtung vor Zoé, für so viel Mut! Das finde ich klasse! Man soll eben im Leben nur das tun, was einem gut tut. Und das Mondscheinbaby wird es ihr danken. Jeden Tag aufs Neue!
Toller Artikel mit viel Wahrheit drin! Und mutige Akteure eben, ohne die die ganze Geschichte nicht so spannend wäre.
Gruß
maike

Bille hat gesagt…

Was für eine krasse Geschichte! Deine Tochter hat auf JEDEN Fall die richtige Entscheidung getroffen! Glückwunsch!!!

FaserTräume hat gesagt…

Schön, dass Du mich in meinem Blogger-Dasein besucht hast, danke für die netten Worte.
Als Frankreich-Fan habe ich mich schon mal als Leserin bei Dir eingetragen. Ich muss mir die Zeit nehmen und Deine tollen Berichte durchlesen - FREU!
Liebe Grüsse und ein schönes Wochenende
Barbara

MarionK hat gesagt…

Ach Pia, manchmal können so Lottogewinne einen wirklich überrollen. Ich finde es klasse von Deiner Tochter, dass sie den Mut hatte, rechtzeitig den Schlussstrich zu ziehen. Es findet sich bestimmt ein anderer Job, der sich besser mit dem Mutterdasein vereinbaren lässt.
Wie immer, klasse geschrieben.

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Kommentare salzen meine Bloggersuppe ...

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