Dienstag, 9. Oktober 2012

Brüssel: Eine lässig entspannte Hauptstadt

Von Brüssel wusste ich soviel, wie die Amerikanerin, mit der ich vor Jahren zufällig in der Pariser Metro ins Gespräch kam, über Schottland: sie wunderte sich über mein flüssiges Englisch und nachdem ich ihr erzählte einen Schottengatten zu haben, fragte sie mich völlig erstaunt, ob man in Schottland denn englisch sprechen würde.


Brüssel! Was also weiß ich von Brüssel?
"Herzlich wenig", antworte ich mir, als ich im gemieteten Familien-Tourbus auf der hinteren Bank der belgischen Hauptstadt entgegen fahre.
Die Belgier haben einen König und eine Königin, die aber keine Kinder oder Enkelkinder haben, die nakkisch von irgendwelchen Paparazzi meistbietend an die Zeitungen beim Arzt im Wartezimmer verkauft werden. Demzufolge hört man wenig über Skandale bei Hofe.
Sie haben ein Europäisches Parlament. Allseits beliebt bei langweiligen Studienfahrten und immer wieder in aller Munde mit merkwürdigen Landschaftsformationen wie Butterberge und Milchseen.

Sie sprechen französisch, sind aber stolz auf ihr flämisch, welches wir Deutschen, wenn wir das Gehirn abschalten und uns nicht darauf konzentrieren, dass hier eine eigenständige Sprache gesprochen wird, durchaus verstehen können.
Das Nationalgericht ist Moules Frites, auf gut deutsch: Muscheln mit Pommes. In Frankreich besonders beliebt sind: die belgische Schokolade und das belgische Bier. Das letztere reicht dem deutschen natürlich nicht das Wasser, aber die Franzosen haben, was Bier angeht, sowieso keine Ahnung.☺ Alles in allem habe ich, mal  abgesehen davon, dass die Belgier für die Franzosen das sind, was der Ostfriese für den Deutschen ist, sprich ein beliebtes Subjekt für schlechte Witze, von unserem Nachbarland herzlich wenig Wissen.


Irgendwie, so denke ich, während am Fenster des Tourbuses die langweilig flache, nord-französische Landschaft an mir vorbei fliegt, fehlt Brüssel das Prestige und der Glanz von Rom, London, Paris oder Madrid. Vielleicht bin ich auch deshalb nie auf den Gedanken gekommen, Brüssel als mein Traumziel für eine Städtereise anzumelden.
Brüssel wirkt auf mich trocken, aufgeräumt, politisch korrekt.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich erst eine Weile überlegen muss, bis mir das Brüssler Wahrzeichen, das Atomium, wieder einfällt. Erdkunde war halt noch nie meine Stärke.
Ach ja...und da war ja noch dieser kleine freche Mann, der bei meiner Großmutter eine etwa 10 cm große, goldene Glocke zierte, und mich als Kind faszinierte, weil er so unanständig in die Gegend pinkelte...

Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht, sagte eben jene Großmutter früher, und heute, so viele Tage nach unserer Städtereise muss ich zugeben, dass ich froh bin, dass uns das Universum, mein Karma,  meine schlechte Laune, Sohnemann's vergessener Pass oder was auch sonst immer, London so gründlich verhagelt hat, denn ...

Brüssel ist genau meine Art von Stadt.


Wenn ich Brüssel in einem Satz beschreiben müsste, würde ich sagen:
Brüssel ist wie Paris, nur wesentlich entspannter, mit dem typisch ländlich zurückhaltenden Flair von Rouen.
Oder auch:
Brüssel ist kosmopolitisch international, aber bayrisch ur-gemütlich.

Und wenn ich schon vom Universum spreche:
Ich fand es schon sehr merkwürdig, dass wir, planlos durch die City fahrend, mit Hilfe des GPS vom Schottengatten ein billiges Hotel suchend, mehr war nach dem Desaster an der Grenze ja nicht mehr drin, mitten im Stadtzentrum vor einem kleinen Hotel einen Tourbus-großen, freien Parkplatz erspähten. Auf gut Glück sprang der Schwiegersohn ins Foyer und erkundigte sich an der Rezeption nach den Zimmerpreisen. Bei 80 Euro pro Doppelzimmer, inklusive Frühstück diskutierten wir nicht und belagerten nur wenige Augenblicke später die nebeneinander auf einer Etage liegenden, einfachen aber komfortabel eingerichteten und sehr sauberen Zimmer mit Ausblick auf einen kleinen, feinen, ruhigen Hinterhof. Das Wochenende war gerettet!
Wir machten uns frisch und bewaffnet mit Kinderwagen und einem Mondscheinkind, das hellauf begeistert war, endlich nicht mehr Autofahren zu müssen, liefen wir die wenigen Meter zum großen Platz. Dort begrüßte uns neben einem totalen Mischmasch von Menschen-Kulturen, dominiert von vielen, wild um sich herum fotografierenden Asiaten, viel Gold und ein Bürgermeister, der wohlwollend sein Volk vom güldenen Balkon aus betrachte. Vielleicht war es aber auch nur einer der vielen europäischen Politiker, wer weiß das schon. 
Nach all den Anstrengungen und Aufregungen mit der britischen Grenzpolizei, hatten wir uns eine Erfrischung mehr als nur redlich verdient und die Einladung vom SchoGa in das HARDROCK CAFE am Ende des großen Platzes wurde vom französich-deutschen Schottenclan spontan und dankend angenommen. Schließlich  muss man dem Mondscheinkind schon früh "guten" Musikgeschmack anerziehen und Eric Clapton ist von je her ein großes Vorbild für den Clanchef.

Danach absolvierten auch wir das übliche Touristen Programm, immer begleitet von Scharen von asiatischen Weggefährten. Ganze Busladungen ergossen sich über die Stadt und wo man ging und stand, fotografierten sie mit den neuesten und grössten Apparaten was das Zeug hielt.
Apropos Fotoapparat: ich hatte meine neue Lumix dabei und werde wohl nie wieder mit einer funkelnagelneuen Kamera in den Urlaub fahren. Ich weiß nicht wie viele Bilder ich wegen der falschen Einstellung vermasselt habe. Nur einmal im Atomium, da war ich richtig froh, einen so komplizierten und leistungsfähigen Apparat zu haben... aber dazu später mehr. Auf alle Fälle habe ich massig Straßenschilder fotografiert, da kann man ja auch nicht viel verkehrt machen, die ich hier gar nicht alle zeigen kann, einfach weil mich das Flämisch  immer wieder faszinierte. Es ist wirklich wie ein schlecht ausgesprochenes oder schlecht geschriebenes Deutsch. Aber psssst! Das hören die Belgier nicht so gerne...



Und während wir so durch die Straßen flanierten stolperten wir doch tatsächlich über eine waschechte französisch normannische Fromagerie (Käseladen) und Charcuterie (Metzgerei)





Die beste Erfindung für Touristen sind meines Erachtens übrigens die roten Doppeldeckerbusse. Die gibt es, außer in Frankreich natürlich, die Franzosen geben sich mit solchen schnöden Massentourismusbeförderungsmittel nicht ab, fast überall auf der ganzen Welt und erleichtern dem Touri das Leben ganz ungemein. Tageskarte kaufen, auf- und abspringen, wo man gerade Bock hat und man kann in Rekordzeit eine Millionenstadt erkunden und kennen lernen. Was besonders dann von Vorteil ist, wenn man mit einem kleinen zweijährigen Mondscheinkind unterwegs ist. Die fand das lustige Schaukeln in luftigen Höhen besonders spannend und sicher auf dem Schoss ihres Lieblingsonkels, kreischte sie jedesmal vor Vergnügen, wenn die Baumkronen über das offene Dach des Doppeldecker Busses peitschten.


Wir hatten Glück mit dem Wetter und genossen die warmen Sonnenstrahlen im offenen Verdeck. Irgendwann gab ich es auf zu fotografieren, ließ endlich die Seele baumeln, schaute staunend um mich und genoss gut gelaunt und völlig entspannt im Hier und Jetzt die Zeit mit meiner Großfamilie
Am Abend ging der Chieftain mit seinen jungen Clanmitgliedern die Kneipen der Stadt unsicher machen, während ich müde aber dankbar das Enkelkind hütete. Am nächsten Morgen, bewaffnet mit einer anständigen geule de bois (Kater) stürzten sich alle über das üppige und umfangreiche Frühstück und berichteten von einer Stadt, in der am Abend die Hölle los ist. Überall Leute jeglicher Couleur, die das Leben genießen und die Stadt feiern. 
So langsam komme ich  zum Abschluss meines Berichts über ein Reise, die trotz aller Anfangsschwierigkeiten dann doch noch ein voller Erfolg wurde und die mich lehrte, nicht immer auf meine eigenen Vorurteile zu hören. Als krönendes Finale erlebte ich einen tollen Abend in einem wunderschönen, typisch belgisches Restaurant und ich habe selten, ein so zackiges und freundliches Serviceteam gesehen und erlebt...und ich weiß wovon ich rede, da ich einige Jahre in der Hotel und Restaurantbranche gearbeitet habe.
Als wir am Sonntagmorgen wieder Richtung Frankreich fuhren und uns wunderten warum wir nicht einem einzigen fahrenden Auto auf den Brüsseler Strassen begegneten, hielten uns freundlich lächelnde, belgische Gendarmen an, um uns darauf hinzuweisen, dass es sich an diesem Tag um einen Autofreien Sonntag hielt und man eigentlich nur mit Sondergenehmigung unterwegs sein dürfte. Auf unsere völlig erstaunten und überzeugend unwissenden Gesichter hin, liess er uns aber ziehen, nicht ohne uns zu warnen uns so schnell wie möglich aus der Autofreien Zone hinaus zu begeben. Was wir dann auch prompt taten.

Man stelle sich nur mal vor: 
Ein Autofreier Sonntag in Paris!
Die Franzosen würden eine neue Revolution anzetteln!
☺☺☺

Der chinesische Pavillion

Atomium

Europa Park

Mini Frankreich
Erwischt: Vom Atomium aus mit der Lumix gezoomt !

Atemberaubender Ausblick


Moules Frites

Kommentare:

Island Girl hat gesagt…

Hallo Pia, what a journey! Ich bewundere Deinen Langmut. Aber Bruessel ist toll, ich finde auch, wie Paris nur provinzieller. Deine Familie hat lange an dieser Ueberraschung gebastelt, ich finde es super, dass sie sich die Zeit fuer Dich genommen haben. LG Gudrun

Maren hat gesagt…

*lol* Brüssel statt London? Entscheidend ist doch, dass Deine Familie sich viele Gedanken gemacht hat. Und manchmal geschehen Dinge nicht ohne Grund. Aber das weißt Du ja....Danke für diesen schönen Einblick in Euer Brüssel-Wochenende!

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Kommentare salzen meine Bloggersuppe ...

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