Freitag, 22. April 2011

Ich und kochen: Das Maultaschen-Desaster

Tüt! Tüt! Draußen hupt Frau Briefträger!
In Windeseile jogge ich aus dem zweiten Stock die Treppen hinunter, breche mir dabei fast die Beine, weil mir meine Hunde immer beweisen müssen, dass sie viel schneller sind als ich, mich in der engen Kurve im Doppelpack überholen und mein Gleichgewicht dabei gefährlich ins Wanken bringen.
Frau Briefträger, sie ist von der ungeduldigen Sorte und hat schon den Rückwärtsgang eingelegt weil sie wohl dachte es käme keiner mehr, stoppt, als ich, nach Luft schnappend, dicht auf den Fersen meiner bellenden Borderdcollies, durch die Kuchentür hechte.
Sie überreicht mir müde lächelnd, sie hat wohl viel zu tun im Moment, ein riesiges Paket und an den lustigen, bunten Aufklebern erkenne ich gleich den Absender.
"Les enfants!" rufe ich laut durchs Haus, als ich das schwere Paket durch die enge Küchentür bugsiere und es auf dem Küchentisch abstelle. "Das Osterpaket von Mimi (= französisch für Omi) ist da!"
Innerhalb weniger Sekunden haben sich alle um den Küchentisch versammelt - warum passiert das eigentlich nie wenn ich abends zum Essen rufe? - und wir diskutieren: aufheben und verstecken oder gleich aufmachen?
Aufmachen ist der allgemeine, kurz entschlossene Konsens und nach kurzem Hantieren mit Schere und ungeduldigen Händen, die das Packpapier in Fetzen reißen, kommen viele Leckereien zum Vorschein, die Mimi aus Deutschland für ihre Enkel zusammen getragen hat. Ostereier in allen Variationen, die Osterhasen von Lindt mit einem Geldschein am Glöckchen-Halsband, ein kuschelweicher Teddybär für die Urenkelin, die obligatorischen Eszet-Schnitten und ein Paket mit Teigtaschen-Förmchen.
"Was ist das denn?" drei erwachsene Gesichter, mit einer sich in runzelnde Falten legenden Stirn schauen mich fragend an.
"Damit kann man Maultaschen machen!"
Sehnsüchtig erinnere ich mich an die schwäbische Spezialität, die ich schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gegessen habe.
"Und bitte was sind Taschen für's Maul?" fragt mich Sohnemann leicht angewidert, dem ich den Unterschied von Mund und Maul schon vor vielen Jahren einmal erklärt hatte.
"Des sacs pour des gueules" übersetzt er für Papa von Enkelkind, der völlig ratlos, ob des deutschen Geschnatters, neben uns steht.
"Des sacs pour les chiens?  Hundetaschen? Und die kann man essen?" fragt er, nun völlig verwirrt.
Soviel zur deutsch französischen Verständigung!
Und da frage ich mich, warum die Franzosen nicht viel von der deutschen Küche halten!!!

Am Abend stürze ich mich, gemeinsam mit Kleiner Tochter in das Abenteuer Maultaschen.
Das Rezept erscheint simpel, die Zutaten haben wir, doch schon das Kneten des Teiges bestätigt mir, warum ich mit dem Kochen auf Kriegsfuß stehe. Das Mehl verstaubt mir breitflächig meine saubere Ablage inklusive der Herdplatte. Die klumpige Teigmasse klebt eklig dick an meinen Händen und das Ausrollen ist ein Kraftakt, welches die gerade abklingende Sehnenscheidentzündung in meinen Armen erneut zum Aufflammen bringt. Der Teig erweist sich als ausgesprochen widerspenstig, hat ein Eigenleben und bleibt nur kurz in dem, für das Ausstechen nötige Großformat. Ich und das Nudelholz malträtierten ihn mit enthusiastischem Schwung, doch wie durch Geisterhand schrumpft er immer wieder in sich zusammen. Mit dem Ergebnis, dass die so entstandenen "Taschen", die Kleine Tochter mit Spinat Hackfleisch-Füllung bestreicht, von Mal zu Mal dicker werden und Hot Dog mäßige Ausmaße annehmen. Je länger der Vorgang dauert, um so ungeduldiger werde ich und ich bin heilfroh als die Maultaschen endlich in der kochenden Brühe landen.
Ich sollte es fotografieren !
Was ich aber nicht tue, denn ich glaube beim Anblick der unförmigen Teile, die sich da in meiner Brühe tummeln und wie Steine auf den Topfboden sacken, würde mir jede anständige schwäbische Hausfrau eine schmerzhafte Kopfnuss versetzen.
Das Ergebnis... zwanzig Minuten später, so lange mussten die dussligen Dinger kochen sonst wären sie nicht durch gewesen, war... na ja... sagen wir mal ... nicht unbedingt ungenießbar.
Ich glaube aber, dass die wunderschönen Teigformen, ab so fort in der tiefsten Ecke meines Küchenschrankes, auf Jahre friedlich, und völlig ungestört von weiteren Kochversuchen meinerseits, vor sich hin träumen dürfen.

1 Kommentar:

Stempelperle hat gesagt…

Ich habe auch solche Dinger und sie ruhen seit Jahr und Tag fröhlich in den unergründlichen Tiefen einer Schublade. Gestört werden sie nur, wenn ich sie in eine andere Ecke verfrachte, um an wichtige Utensilien in ihrem trauten Heim zu gelangen. Vielleicht sollten wir unsere Teilchen miteinander bekannt machen, dann können sie miteinander eine wilde Party feiern. ;-)

Grinsegruß
Stempelperle

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Kommentare salzen meine Bloggersuppe ...

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