Sonntag, 29. Januar 2012

ICH zum Lehrer geboren? Im LEBEN nicht...

Wie macht Ihr "richtigen" Lehrer das?
Wie motiviert Ihr euch, in einer unmotivierten Klasse, eure Begeisterung für euren Unterricht zu behalten?
Wie schafft Ihr es, nicht völlig den Löffel abzugeben, wenn man euch zum 10 Mal das gleiche fragt?
Oder: wenn angehende Abiturienten ganz offensichtlich nicht in der Lage sind, 9 minus 0.5 im Kopf aus zurechnen?
Wie behaltet Ihr die Ruhe und die Geduld?
Und vor allem: wie schafft Ihr es, nicht schon total missmutig, sondern fröhlich lächelnd das Klassenzimmer zu betreten?
Ich bin eine Hobbylehrerin.
Oder vielleicht sollte ich eher sagen, eine "Sonntags" Lehrerin.
Denn genau wie der Oppa mit der Omma nur am Sonntag mal in sein Auto steigt, um zum Kaffee-trinken in den Odenwald zu fahren, und sich dementsprechend nicht wirklich im Dschungel des Berufsverkehrs auskennt und über dessen Stressfaktor nicht die Bohne mitreden kann, bin ich mit meinen lächerlichen zwei Stunden Scrapbooking pro Woche halt auch kein richtiger Lehrer.
Trotzdem:
So langsam bekomme ich einen Heidenrespekt vor diesem Beruf, und das nicht nur, weil ich ein regelmäßiger Leser von Fräulein Krise bin.
Ich habe selten schlechte Laune.
Und wenn mir die sogenannte Laus schon  mal über die Leber läuft ... habt Ihr Euch mal gefragt woher die Redensart kommt? Wenn ja, die Auflösung gibt es unten ... dann gelingt es mir meistens recht schnell, mich davon zu befreien oder mich irgendwie abzulenken.
Am letzten Donnerstag allerdings, lief mir gleich ein ganze Kolonie der kleinen, biestigen Blutsauger über die Eingeweide und selbst der anschließende Besuch beim Mondscheinbaby brachte kaum Erleichterung.
Was war passiert?
Ich bin jetzt im dritten Jahr als Scrapbooking Lehrer im Zuge der Nachmittagsaktivitäten in einem Gymnasium tätig und habe pro Woche knapp zwei Stunden Unterricht.
Ja ich weiß, der "echte" Lehrer lacht mich an dieser Stelle schallend  aus, aber von Beruf bin ich ja auch eher Animateurin für Erwachsene und umgehe es normalerweise tunlichst, mit Kindern zu arbeiten.
Bis dato hatte ich viel Freude an meinen Ministündleins, aber dieses Mal habe ich einen Jahrgang erwischt, der meine Haare zu Berge stehen lässt und mich daran zweifeln lässt, ob Scrapbooking wirklich eine so grandiose Tätigkeit ist, wie ich es immer behaupte.
Bei 10 Schülern im Unterricht  ...ja, ja lacht nur... dürfte ich nun echt nicht meckern, zudem werde ich wirklich gut bezahlt  - aber Himmel und Herrschaft nochmal:
Warum haben die sich ausgerechnet Scrapbooking ausgesucht, wenn es ihnen so offensichtlich keinen Spaß macht?
Das Angebot für die Nachmittagsaktivitäten in dieser Schule ist extrem breit gefächert, von Kochen, über Reiten bis Yoga ist alles dabei.
Nicht sehr hilfreich ist natürlich, dass ich extremst verwöhnt bin, was die Bewunderung meiner Werke angeht. Während sich meine erwachsenen Schüler angesichts meiner romantischen Scrapbookalben vor Begeisterung fast überschlagen, zucken meine 17-18 jährigen Schüler nicht mal auch nur ansatzweise mit der Wimper.
Ich zeig ihnen das neue Projekt für die nächsten Stunden und was kommt?
Nichts!
Keine Reaktion!
Kein "Oh das ist schön" oder "Das wäre was für meine Mama, Cousine Schwester".
Nichts!
Nada!
Niente!
Rien!
Nur leere Blicke! 
Und mit dem gleichen, fast nicht zu ertragenden Überschwang der Gefühle, gehen sie dann auch an die Stunden ran und hängen wie ein abgestandener Schluck Wasser in der Kurve auf ihren Stühlen.
Mal ganz abgesehen davon, dass sie handwerklich unglaublich inkompetent scheinen ...
Beispiel:
Ich: "Wir falten das 10 auf 10 cm große Blatt Papier in der Diagonale zusammen, so dass ein Dreieck entsteht."
Die Schüler: "He? Wie jetzt, das kapieren wir nicht?" falten das Viereck prompt längst, und wundern sich anschließend über das merkwürdige Dreieck, dass wie ein Rechteck aussieht.
... sind sie auch völlig gehandikapt, was die Vorstellungskraft oder Fantasie betrifft.
Alles, aber auch alles, muss ihnen vorgekaut werden.
Nur wenn es darum geht, einen Arbeitsgang mit so wenig wie möglich Aufwand zu verkürzen, damit sie schneller fertig sind, zeigen sie Initiative.
Gott sei Dank sind bald wieder Ferien!
Und nochmal Gott sei Dank bin ich kein Mathelehrer ... oder noch schlimmer...Huh jetzt wird es ganz gruselig ......Deutschlehrer!
Allein die bloße Vorstellung bringt meine Haut in Federviehstimmung!

Was ist dir für eine Laus über die Leber gelaufen?
die Redewendung hat ihren Ursprung in der Annahme, dass die Leber der Sitz der leidenschaftlichen Empfindungen sei. Ursprünglich hieß es einfach: "es ist ihm etwas über die Leber gelaufen". Die Laus wurde dann als Sinnbild für einen geringfügigen Anlass, eine Nichtigkeit, dazugepackt. Man erkennt dabei auch die Vorliebe des redensartlichen Ausdrucks für den Stabreim.

Kommentare:

MarionK hat gesagt…

Oh je, ich kann Deinen Frust verstehen. Man könnte ja noch nachvollziehen, dass sie gelangweilt sind, wenn sie hingehen MÜSSTEN, aber so was freiwillig machen und dann unmotiviert sein. Vielleicht haben sie sich was anderes darunter vorgestellt? Oder gedacht, so ein wenig Papier kleben, dass krieg ich schon hin.
Ich wünsche Dir noch viel Kraft für die restliche Zeit.

Kathi hat gesagt…

Auweh das klingt grauselig. Du Arme! Das Frl.Krise verfolge ich auch täglich, die kann einem ja auch nur leid tun.
Aber zu deinen Schülern: das ist sicherlich auch doppelt schwer da du es da mit einem Alter zu tun hast, in dem man eh "null Bock" hat und dann auch noch die Hormone querschlagen - was soll man da noch mit romantischen Scrapbookalben anfangen?
Ich drück dir die Daumen dass du die Zeit bis zu den Ferien gut überstehst! :-)

LG Kathi

Stempelperle hat gesagt…

Hallo Pia,

bei deinem liebevoll verfassten Bericht über die Fröhlichkeit und Bereitschaft junger Menschen, mal etwas Produktives zu tun, ist bei mir das Kopfkino angegangen und lässt sich nicht mehr abschalten. Ich habe Spaß!

Was kann ich dir wünschen? Viel Kraft? Ein dickes Fell? Ein Beißholz? Ich kann mich nicht entscheiden, aber wenn es dir hilft, dann drück ich dich einfach mal ganz dolle. Deine Werke sind traumhaft schön. An ihnen liegt es wahrlich nicht.

Liebe Grüße
Stempelperle

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Kommentare salzen meine Bloggersuppe ...

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