Donnerstag, 20. Juni 2013

Rache meines hauseigenen Sektenführers!

Nun habe ich den Salat!
Obwohl ...
Wäre es wirklich nur "Salat", hätte ich den sicherlich in ein paar Wochen im Griff.
Mein Salat aber kommt in Form von wildwachsendem Holunder, Kirsche, Esche, Ahorn, Blauregen,  ja sogar Kastanien, eingebettet in Disteln und Brennnesseln und hat dementsprechend andere Ausmaße. Mittlerweile meterhoch, verbreiten sich die von mir nie gepflanzten Bäume und Büsche in gefühlter Windeseile in meinem Garten, ohne dass ich es so wirklich wahrgenommen habe. Aber ich bin ja selbst daran schuld.

Der Anfang
Was muss ich mir auch so einen zeitintensiven Hobby-Beruf wie Scrapbooking zulegen, bei dem ich seit Jahren (fast) alles um mich herum vergesse, nur noch an Papier, Schere und Kleber denke, mir dafür sogar ein kleines Holzhaus baue, es blau an male und meiner ersten großen Leidenschaft dem Garten, bis auf das unvermeidbare Rasen mähen, komplett den Rücken kehre.
Das rächt sich jetzt. Ab einer gewissen Größe ist ein Garten eine unerbittliche Religion und toleriert keine Aussteiger.

Normannisches Gutsherrenhaus
Als junge und kraftvolle Mitdreißigerin überredete ich den Schottengatten, unsere schnuckelige Chaumière, (= kleines strohgedecktes Haus) mit überschaubaren Garten im Herzen der Normandie, gegen ein 150 Jahre altes Gutshaus einzutauschen, welches zu meinem Entzücken nicht nur richtig groß und geräumig war, sondern es stand verloren auf einem zweimal fußballfeldgroßen Grundstück, inklusive heruntergekommenen Stacheldrahtzäunen, meterhohen Brennnesselfeldern und ein paar traurig anmutenden Tannenbäumen. Platz genug, um eine große Familie zu gründen und dem immer größer werdenden  Zoo ein angemessenes Zuhause zu bieten. Wer wie ich von Fußball keine Ahnung hat und sich gerade fragt wie groß ein Fußballplatz ist … ungefähr 10.000qm …und ja, wir haben zwei davon.

Starke Gerätschaften
Wir informierten meine Eltern im fernen Deutschland, dass wir nach knapp zweijährigem Aufenthalt in der Chaumière wieder umziehen wollten und zeigten ihnen Fotos vom Objekt meiner Begierde. Meine Mutter, sonst nie um Worte verlegen, war sprachlos und mein Vater erklärte mich für komplett verrückt. Nur meine Großmutter erkannte das Potential der „Bruchbude“ … wie meine Mutter mein Traumhaus nannte, als sie endlich die Sprache wieder fand und erschüttert die Fotos betrachtete. Aber ich war jung und fegte sämtliche Einwendungen voller Selbstvertrauen vom Tisch.
Mit Feuereifer stürzte ich mich in das Abenteuer Garten, kaufte mickrig kleine Pflänzchen für teure französische Francs und grub, buddelte, zupfte und schaufelte, bis mir, Jahre später, mein Arzt mit Kortison-Injektionen den Rücken beweglich spritzen musste.
Kinderarbeit: Zäune müssen her
Aber ich hatte es geschafft.
Angespornt von dem kopfschüttelnden Widerspruch meiner Eltern trotzte ich meiner trostlosen Kuhweide eine fast englische Parklandschaft ab.
Dann machte ich Bekanntschaft mit dem neumodischen Hobby, das von Amerika aus Frankreich überrollte und ….siehe oben.
Als ich vor ein paar Wochen mit Verstand durch meinen Garten ging, war ich entsetzt.

Aus der Kuhweide wird ein Garten
Die Glyzine, die ich mal als Minipflänzchen um die alte verrostet Schaukel gepflanzt habe, begräbt den daneben stehenden Kirschbaum unter sich und blüht in schwindelerregenden Höhen. Der Kirschbaum wiederum hat mittlerweile so viele Söhne bekommen, dass ich sie nicht mehr zählen kann und diese nur noch vom Holunder übertrumpft werden. Der verteilt sich  wie Unkraut, nur tausend Mal grösser, in jedem Winkel unseres Grundstücks und bei dem nass- warmen Wetter  im Moment kann ich diesen Monstern beim Wachsen regelrecht zuschauen. Auf den mich blau färbenden Beerenregen beim nächsten Rasen mähen freue ich mich jetzt schon. Und nein … ich bin in der Küche ziemlich nutzlos und werde mich nicht den Freuden hingeben, Holundermarmelade zu kochen. Außerdem könnte ich dann halb Frankreich beschenken, da wir nie und nimmer so viel Holundermarmelade selbst aufessen könnten.
Ein Kastanie aus dem Nichts
Die Brennnesselfelder kann ich noch mit einigermaßen reinem Gewissen ignorieren, denn sie sind die exklusive Nahrung von Pfauenaugen, aber bei Disteln hört der Spaß auf, auch wenn sie die Nationalblume der Schotten sind. Und vom krausen Ampfer der in unserem reichhaltigen Lehmboden locker einen Meter hoch wird, fange ich besser erst gar nicht an.
„Du sollst neben mir keine anderen Götter haben!“
Dieser laute Ausruf meines gärtnerischen "Sektenführers" zwingt mich gerade in die Knie und ist einer der Gründe warum es in letzter Zeit so still war auf meinem Blog.
Es bleibt mir nichts anderes übrig. Wenn unser Grundstück nicht so enden soll wie in der ausgesprochen interessanten BBC Dokumentation Zukunft ohne Menschen muss ich meine Scrapbookingschürze ein paar Monate an den Nagel hängen und sie gegen Gummistiefel, Handschuhe und Gartenschere eintauschen.
Was mich da draußen erwartet ist gigantisch und manchmal frage ich mich, ob ich es jemals schaffe, wieder einigermaßen Form in das Chaos zu bringen. Denn, so der Schottengatte ... charmant wie immer ..., ich bin keine Frühlingshühnchen mehr, sondern eine gestandene Mittfünfzigerin. Und da kneift es schon mal mehr hier und da als nur im Rücken.
Gestern war ich im lokalen Markt für Gartenbau, um meine Motorsense zur Reparatur abzugeben. Die hat leider ausgerechnet jetzt ihren Geist aufgegeben. Dort lag der neue Katalog von Stihl auf den Tresen. Fasziniert blätterte ich in den 230 Seiten Hochglanz und bestaunte die Gartengeräte, die frau das Leben so viel einfacher machen können.
Jetzt weiß ich was ich mir dieses Jahr zum Geburtstag wünsche:
Eine Kettensäge!
Für Mädchen!





Kommentare:

Kathrin hat gesagt…

Auweh Pia, das klingt nach verdammt viel Arbeit! Mein Mitleid ist dir gewiss, aber vielleicht ist so eine Motorsäge da gar keine schlechte Idee.
Ich bin schon manchmal von unseren lächerlichen 300m² Garten genervt, wenn überall was gemacht werden muss. 25m Hecke schneiden hat uns am letzten Wochenende schon an die Grenzen des guten Willens gebracht ;-)
In diesem Sinne ich erstarre in Ehrfurcht vor deinem Großprojekt - halte uns auf dem Laufenden! :-)

Liebe Grüße
Kathrin

Caline hat gesagt…

Uff, wir sind gerade dabei eine alte Mühle von 1856 zu kaufen und da sind über 3 Hektar Grund rundherum - ich habe aber nich nie was für`s garteln übrig gehabt, vielleicht sollte ich schnellstens die Kaufpläne boykotieren - sonst ende ich noch wie Du und muss mich mit einer Kettensäge anfreunden....
LG und viel Spass bei der Gartenarbeit
Carola

scrapperia hat gesagt…

Hurra, du hast was geschrieben! Und sowas interessantes noch dazu. Da hat das Quengeln ja doch genützt. ;)

Euer Haus nebst Grundstück ist ein Traum - aber angesichts der Gartenarbeit wäre ich wohl schon kollabiert. Die bloße Vorstellung jagt mir Schauer über den Rücken. Ich empfehle einen Gärtner (passend zum Butler und zur Köchin) oder einen neuen Zaun dicht ums Haus rum; dann kann man vielleicht so tun, als gehöre alles außen rum nicht dazu. :)

scrapperia hat gesagt…

Nachtrag:
Und auch noch so ein schicker neuer Header!!!

SallyB. hat gesagt…

das hört sich nach Kettensägenmassaker der besonderen Art an, bei Holunder dachte ich natürlich gleich an Marmelade, aber ja, gibt es nicht ein paar verrückte Städter die Du in einem Aktivurlaub dazu motivieren kannst?

MarionK hat gesagt…

Oh schön, die Pia schreibt wieder. Und dazu noch zum meinem Ersthobby "Garten". Okay, bezogen auf Deine zwei Fußballfelder hab ich ja nur einen etwas größeren Blumenkasten mit 580 qm, aber dem Rücken reicht das auch. Was bei Dir Kirsche und Holunder, sind bei mir Flieder und Brombeere. Einfach nicht in den Griff zu bekommen. Aber wenn dann alles so schön blüht, geht das Herz wieder auf.
Viel Spaß mit der Kettensäge und Grüße von Mittfünfzigerin mit Rücken zu Mittfünfzigerin :))

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Kommentare salzen meine Bloggersuppe ...

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